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Erfahrungsbericht von GIB ZEIT - ausführlich

Im Folgenden der Bericht einer GIB-ZEIT-Mitarbeiterin über ihre Arbeit mit einem mehrfachbehinderten Kind, das von der Lehrerin als „lernbehindert“ bezeichnet wurde. Nach 1½ Jahren Betreuung kam sie zu dem Ergebnis: „Heute sieht man eindeutig, dass er nicht lernbehindert ist. Er hat einfach nur einen Wissensrückstand, weil er 10 Jahre lang keine Sprache hatte, wie sollte er da auch Wissen erwerben?“

Die Zwischenüberschriften im Bericht wurden von der Redaktion für die bessere Lesbarkeit ergänzt.

Bericht über Familie O

Biographische Daten des Kindes: männlich, mehrfachbehindert, gehörlos (70-90 db), kein CI, Alter zu Beginn der Betreuung: 9¾ Jahre, wöchentliche GIB ZEIT-Besuche seit 1½ Jahren, besucht Gehörlosenschule

Aller Anfang ist leicht

Mein erster Besuch bei der Familie O ...: Bei diesem Besuch waren nur die Mutter und der gehörlose Jonas da ((Namen von der Redaktion geändert)). Jonas war damals schon fast 10 Jahre alt. Die Mutter sprach nur und sie sagte immer wieder, dass sie leider keine Gebärden kann. Später sagte sie dann aber, dass sie in der Not einige "Gebärden" erfunden hatte, wie zum Beispiel die Gebärden "trinken" und "weiß" für "Milch"...

Im Januar war dann mein erster Besuch ohne Dolmetscher bei der Familie. ...Jonas war noch ... in der Schule. ... Als Jonas nach Hause kam, schaute er mich ganz verwundert an. Er verstand bestimmt nicht, warum ich plötzlich da bin. Niemand konnte ihm erklären, dass ich jetzt regelmässig kommen werde. Die Mutter wollte, dass ich mit ihm Hausaufgaben mache. Aber Jonas hatte dazu überhaupt keine Lust.

Ich begann damit, mit allen das Fingeralphabet zu üben, besonders die Geschwister hatten viel Spaß dabei. Auch in der Folgezeit haben alle fleissig geübt. Die Vierjährige konnte damals noch gar nicht lesen und schreiben, doch durch das Fingeralphabet lernte sie die Buchstaben und konnte schon bald ihren Namen buchstabieren. ...

In den ersten zwei, drei Monaten haben wir oft etwas aufgeschrieben, wenn wichtige Sachen zu besprechen waren. Beide (Eltern) haben mich unglaublich viel gefragt, sie wollten wissen, wie ich lebe, wie ich groß geworden bin, ob ich mich, als ich klein war, ähnlich verhalten habe wie Jonas. Sie hatten zahlreiche Fragen, wollten viele Informationen haben, sie mussten sich einfach ein Bild machen, eine Vorstellung davon bekommen, wie ich als erwachsene Gehörlose lebe. Darüber haben sie sich viele Gedanken gemacht.

Nach etwa vier Monaten mußte ich immer weniger aufschreiben, wir konnten uns viel lockerer unterhalten mit Gebärden. Ich hatte ihnen zu Beginn - meistens eine halbe Stunde lang - Gebärdensprache unterrichtet, dabei zeigte ich ihnen Alltagsgebärden und orientierte mich an den Themen, die Jonas interessierten.

Was ist das Wetter? Das Interesse ist geweckt

Ein typisches Thema war zum Beispiel das Thema Wetter. Ein halbes Jahr lang hatte Jonas ein ganz starkes Interesse an diesem Thema, er war fasziniert davon, jedes Mal wenn ich kam, sprach er es an. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, was Wind, und Sonne und Regen ist. Wir unterhielten uns dann darüber, dass ich in ... wohne und er in ..., und dass das Wetter in diesen beiden Orten nicht immer gleich ist, was er gar nicht glauben konnte. Dann erklärte ich ihm anhand einer Landkarte, wo beide Städte liegen und auch wo ... liegt, wo er in die Schule geht. Ich sagte ihm, dass ich in ... geboren bin und dass ich dann nach ... gezogen bin. Das alles interessierte ihn sehr.

Ich sagte, dass ich mich montags auf die weite Fahrt begebe und ihn dann besuche, er wußte aber nicht, was bedeutet "besuchen", oder was bedeuten "Stunden", "Tage", "nächste Woche", "morgen" und "gestern", all diese Begriffe waren ihm unbekannt.

In den ersten sechs Monaten mußte ich vieles wiederholen, Geduld haben und mich an seine Bedürfnisse anpassen. Er brauchte viel Bestätigung. Manchmal hat er etwas erzählt, zum Beispiel aus dem Fernsehen, es war dabei nicht immer der Zusammenhang ersichtlich. Teilweise war dieser ganz sicher nicht gegeben, zum Teil fehlte es ihm aber einfach an Ausdrucksmöglichkeiten. Ich habe stets versucht herauszufinden, was er meint, und habe dann was dazu erzählt. Das hat er dann alles aufgesogen. Mit der Zeit wiederholte er die Themen zwar immer noch, aber sie vertieften sich mehr und mehr. Heute ist z.B. das Thema Wetter für ihn ein riesengrosses Thema, zu dem er sehr viel erzählen kann. Damals hatte er keine Ahnung, weder vom Wind noch von sonstwas.

Katzen, Lichtklingeln, Oma und Opa: Weltwissen durch Kommunikation

Eine deutliche Veränderung trat nach etwa sechs Monaten ein, da ging das plötzlich unglaublich schnell bei ihm. Die ersten sechs Monate waren mehr wie ein Plateau, ich habe manchmal gedacht, ob er sich überhaupt weiterentwickelt, es wiederholte sich alles immer, er blieb an Themen haften, immer an den gleichen, war darauf fixiert, doch dann, nach sechs Monaten, suchte er sich vermehrt selbst neue Themen aus, an denen er Interesse hatte, zum Beispiel das Thema Tod. Das kam daher, weil wir uns einmal über Katzen unterhalten hatten, er sagte mir, dass er gerne eine Katze haben möchte. Da erzählte ich ihm, dass ich früher auch eine Katze gehabt habe, doch leider wäre sie von einem Auto überfahren worden. Der Autofahrer ist dann einfach weiter gefahren, die Katze blieb da liegen. Der Nachbar von meinen Eltern hatte das damals mitbekommen, er wusste, dass die Katze mir gehört, und hat dann meine Eltern und mich besucht und er hat geklingelt.

Meine Eltern, die auch gehörlos sind, sahen an der Lichtklingel, dass jemand an der Tür stand - das verstand er wieder nicht, was ist denn eine Lichtklingel. Ich meinte, dass ich da, wo ich jetzt wohne, auch eine Lichtklingel habe. Jonas verstand nicht, dass ich nicht mit meinen Eltern zusammen in einem Haus wohne, und da sagte ich ihm, dass meine Eltern ganz woanders wohnen - ich zeigte es ihm auf der Karte - und dass ich alleine mit meinem Freund in einer Wohnung lebe. Das war alles ganz neu für ihn.

Er kannte "Mama" und "Papa", das wars für ihn, auch "Oma" und "Opa", aber mehr kannte er nicht, er wusste nicht, was es bedeutet, einen "Freund" oder einen "Partner" zu haben, das alles war für ihn unbekannt. Selbst die Wörter "Vater" und "Mutter" kannte er nicht. Ich merkte beim Gespräch mit ihm, dass er einige Dinge nicht verstand, habe aber einfach weiter erzählt, ihm viele Spracheindrücke gegeben und dabei versucht, seine Bedürfnisse zu erfüllen. Heute hat er auch mehr Interesse an der Lautsprache bekommen. Seine Mutter erzählte mir das. Damals hatte er überhaupt keine Sprache, auch keine Schriftsprache, Sätze schafft er auch heute noch nicht, aber Wörter schon. Sicher hilft ihm dabei, dass es in der Gebärdensprache das Mundbild gibt. Am Anfang hat er völlig ohne Mundbild gebärdet, aber bei bestimmten Gebärden - so bei Objekten - gibt es ja ein Mundbild, etwa beim Wort "Tisch", bei Verben kann der Mund geschlossen bleiben, z.B. wenn ich mit dem Auto "fahre". Jonas hat das automatisch alles aufgenommen und jetzt benutzt er auch das Mundbild.

Dann haben wir zusammen Bücher geguckt, bestimmte Begriffe, die er nicht kannte - wie zum Beispiel "Baum" oder "Katze" - ignorierte er erst, ich habe sie immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen gebärdet, bis ihm die jeweilige Bedeutung - ohne sie im eigentlichen Sinne einzuüben - ganz von alleine klar wurde und er sie mit Inhalt füllen konnte.

Keine Eltern-Kind-Beziehung ohne Kommunikation

Die Eltern konnten immer besser gebärden, wir haben jetzt eine gute Kommunikation. Ich kann mit ihnen über ganz verschiedene Themen sprechen, über Politik, oder über ihre Familie. ... Z.B. hat sich Y. von ihrem Mann getrennt, ... dies und anderes erzählen sie mir, es ist viel Kommunikation und eine vertraute Basis da zwischen uns.

Am Anfang haben die Eltern ganz, ganz wenig mit Jonas kommunizieren können, bei bestimmten Themen können sie sich jetzt prima mit ihm unterhalten. Etwa bei Themen, die mit der Schule zu tun haben. Wenn die Mutter mit dem Lehrer telefoniert hat und bestimmte Sachen erfahren hat, dann fragt sie Jonas und er kann antworten, er kann dann mehr erzählen.

Jonas gebärdet aber manchmal sehr schnell, und es passt nicht immer zum Thema, manchmal kriegt die Mutter nicht mit, was er jetzt meint, wenn sie es aber verstanden hat, dann schafft sie es an das von ihm Gesagte anzuknüpfen. Ich will mal ein Beispiel berichten, bei dem am Schluss deutlich wird, wie schwer es für die Eltern ist, direkt zu verstehen, was Jonas ihnen sagen möchte bzw. was er meint.

Hat Dein gehörloser Freund auch eine Uhr wie ich und Du?

Vor kurzem hat der Vater Jonas eine neue wasserfeste Uhr geschenkt. Er hatte vorher schon eine Uhr, die lag aber irgendwo in seinem Zimmer, der hat er keine Beachtung geschenkt. Eines Tages kam ich und hatte ausnahmsweise meine rote Uhr an - normalerweise trage ich immer eine schwarze Uhr - das fiel Jonas direkt auf. Er sagte, das ist ja eine andere Uhr, woraufhin ich meinte, ja, ich habe drei verschiedene Uhren, heute ziehe ich die an, und an einem anderen Tag nehme ich eine andere Farbe. Er guckte mich ungläubig an und überlegte. Dann fragte er mich, ob ich früher auch eine Uhr gehabt hätte. Ich entgegnete, ja, mit sieben Jahren, da habe ich meine erste Uhr bekommen. Ob ich die Uhr noch hätte, da sagte ich, nein, die wäre leider kaputt, die hätte ich nicht mehr. Seine Uhr, so fuhr ich fort, die sei ja super, mit Stoppuhr dran und allen möglichen Dingen, so eine tolle Uhr hätte ich früher nicht gehabt, meine Uhr war ganz einfach damals.

Nun war sein Interesse am Thema Uhr geweckt. Ich fragte ihn, ob er seine Uhr regelmässig trage, nein, das täte er nicht, war Jonas’ Antwort. Aber, wollte ich wissen, ob er denn in der Schule nie auf die Uhr gucke, um zu wissen, wie spät es ist? Ich sagte ihm, ich hätte früher in der Schule immer auf die Uhr geguckt, manchmal war der Unterricht so sterbenslangweilig, dann habe ich mich gefreut, wenn endlich Pause war, für mich war die Uhr sehr wichtig. Von dem Moment an hatte Jonas immer die Uhr an.

Er identifiziert sich stark mit mir, er braucht einfach eine Vorstellung wie andere Gehörlose aufgewachsen sind. Er hat mich auch gefragt, ob X., mein Freund, eine Uhr hat? Ich habe geantwortet, ohja, der hat auch eine Uhr, bei der Arbeit muss er gucken, wann Feierabend ist, dass er rechtzeitig nach Hause kommt, oder dass er morgens pünktlich um acht Uhr da ist, wenn seine Arbeit anfängt, so wie seine, Jonas, Schule, ja auch um acht Uhr anfange, da müsse er auch in der Schule sein. Jonas dachte über alles nach.

Schließlich fragte ich ihn, ob seine Uhr wasserfest sei, meine Uhr sei es nicht. Und sofort wandte er sich an seinen Vater, ob seine Uhr etwa nicht wasserfest sei. Der Vater wußte erst gar nicht, was Jonas meinte, er hatte ja nicht mitbekomen, worüber wir beide uns die ganze Zeit unterhalten hatten. Dann verstand er Jonas’ Frage und hielt seine Uhr unter Wasser, um ihm zu zeigen, dass sie wasserfest ist. Jonas bekam einen Schreck, weil er fürchtete, die Uhr gehe kaputt.

Das ist ein Beispiel für sein Kommunikationsverhalten: Jonas sagt ganz spontan etwas, wie in diesem Fall seinem Vater, dieser braucht aber einen Bezug zum Thema, muss wissen, was vorher geschehen ist, erst dann kann er an das Gespräch anknüpfen, sonst versteht er ihn nicht. Bei der Mutter ist es ähnlich, wenn sie selbst von sich aus ein Thema wählt, dann kriegt sie eine Antwort von Jonas, dann funktioniert die Kommunikation. Aber wenn Jonas nach Hause kommt und etwas zu seiner Mutter sagt, dann bekommt sie manchmal den Zusammenhang nicht mit, weiß nicht, wovon er redet. Genau das, denke ich, muss noch gefördert werden, damit die Kommunikation zwischen Jonas und seinen Eltern besser wird.

Was ist gehörlos? Wie alt ist jemand, der einen Bart hat?

Anfangs hatte Jonas keine Vorstellung davon, was es bedeutet, gehörlos, hörend oder schwerhörig zu sein. Jetzt weiss er, was das bedeutet, gehörlos zu sein, dass man eben gebärdet oder spricht oder schreibt.

Neulich musste ich zum Arzt, da fragte er mich, ob denn der Arzt gebärden kann? Ich sagte, nein, der kann nicht gebärden. Jonas glaubte, der müsse doch gebärden und ich erwiderte, nein, das können viele Ärzte nicht. Er würde mit mir sprechen, und das wäre schon sehr mühsam. Manchmal würde er sprechen, ich ihn aber nicht verstehen, denn er hat einen Bart im Gesicht. Dann sage ich ihm, er solle das bitte aufschreiben. Dies mache er, ich lese es dann und so könne ich verstehen, was er gesagt habe. Jonas meinte daraufhin, er wolle unbedingt auch etwas aufschreiben, das förderte sehr seine Motivation.

Jonas interessierte auch, dass der Arzt einen Bart hat. Er fragte, ob der Arzt sehr alt ist, ich verneinte das, er wäre so etwa 45 oder 50 Jahre alt. Später habe ich gemerkt, dass Jonas’ Vorstellung so ist, dass nur alte Menschen einen Bart haben. Ich sagte ihm, es gebe auch junge Menschen mit 20, die einen langen Bart haben, wenn die sich ihn nicht abschneiden oder rasieren, dann werde der lang und länger, das sei egal, ob man alt oder jung ist. Aber, so Jonas, alte Menschen haben einen weißen Bart, und da konnte ich ihm recht geben. Auch die Haare werden bei den älteren Menschen erst grau und später weiß, sagte ich ihm. Aber es gebe manchmal Menschen, die sind 40 Jahre alt und sind schon sehr grau, andere sind 60 oder 70 Jahre alt und erst dann werden die Haare grau, das sei bei den Menschen sehr unterschiedlich. So bekommt Jonas eine Vorstellung davon, dass die Menschen unterschiedlich und nicht alle gleich sind.

Wissen über Leben und Tod: Müssen alle gehörlosen Menschen jung sterben?

Er hatte früher die Vorstellung, dass die kleinen Menschen jung sind und die älteren immer weiter wachsen und größer werden. Es wunderte ihn, dass die Menschen groß werden, dann aber nicht mehr weiterwachsen. Wir unterhielten uns auch darüber, dass es Menschen gibt, die nicht so groß sind. All das beschäftigte ihn sehr und er machte sich oft Gedanken darüber. Er fragte mich, ob er selbst noch etwas wachsen wird, da sagte ich, ja, du bist jetzt 11, du wirst noch etwas wachsen, aber wie groß du wirst, das kann man nicht sagen, das weiß ich nicht.

In einer bestimmten Zeit machte er sich viele Gedanken zum Thema Tod. Das lag daran, dass ich ihm einmal - wie bereits erwähnt - von meiner Katze erzählt hatte, dass die vom Auto überfahren worden ist. Das war das erste Mal, dass er sich bewußt Gedanken zum Thema Tod gemacht hatte. Ich habe ihm auch erklärt, was es bedeutet, verletzt zu sein, und dass es ein Unterschied ist, wenn man richtig tot ist. Dann kann man noch so viel machen, daran rütteln, die Augen können auf oder zu sein, man kann die Katze nicht mehr zum Leben erwecken. Wenn man tot ist, so sagte ich ihm, dann wird man kalt, der Körper wird kalt. Wir dagegen leben, unser Körper ist warm, das habe ich ihm gezeigt. Wenn man tot ist, dann wird man weiss und hell und blass, weil das Blut nicht mehr zirkuliert und das Herz nicht mehr schlägt.

Jetzt hat Jonas eine Katze, vor kurzem war sie schwanger, und er überlegte, was bedeutet schwanger sein, er wollte wissen, wie das denn mit der Geburt geht. Wir haben viel darüber gesprochen, es handelte sich dabei auch um sexuelle Aufklärung. Wir sprachen über Mann und Frau und darüber, dass Männer und Männer zusammen keine Kinder bekommen können, dass Frauen mit Frauen auch keine Kinder bekommen können, aber ein Mann und eine Frau, die können zusammen Kinder bekommen. Allerdings auch nicht alle, das sei auch wieder unterschiedlich. Er hatte erneut viel Stoff zum Nachdenken.

Wir unterhielten uns auch darüber, dass es bei Tieren und Menschen verschieden ist, dass bei Menschen nach neun Monaten ein Kind kommt, bei Katzen die Zeit aber kürzer ist, in denen sie trächtig sind, sie bekommen ihre Kinder schon nach zwei oder drei Monaten. Jonas hatte geglaubt, dass es bei Katzen wie bei den Menschen auch neun Monate dauert. Das nächste Gesprächsthema war, dass die Katzen mehrere Kinder bekommen können. Die Menschen bekommen dagegen meistens nur ein Kind, schon mal Zwillinge oder Drillinge, aber das ist schon selten, eben in der Regel ein Kind. Bei Tieren ist es häufig ganz normal, dass sie mehrere Kinder bekommen. Tatsächlich bekam seine Katze auch vier Kinder.

Eine Katze war übrigens schwarz und sah ganz anders aus als die anderen Katzen. Auf den ersten Blick sah sie aus, als ob sie in der Entwicklung zurück wäre im Vergleich mit den anderen Katzenkindern. Aber genau diese Katze, die so schwach aussah, schaffte als erste normal Futter zu fressen, die anderen brauchten noch die Milch von der Mutter. Über all das haben wir uns unterhalten.

Beim Thema Tod hatte Jonas gedacht, auch ein Tisch könnte sterben. Ich sagte ihm, nein, sterben können nur lebende Wesen, Menschen, Pflanzen, und Tiere, die können alle sterben, aber ein Tisch kann nicht sterben. Nun wollte er wissen, ob ein Auto sterben könne, da fragte ich ihn, ob er schon mal gesehen hat, ob ein Auto gewachsen ist? Das hatte er nicht, und ich erklärte ihm, dass wir Menschen die Autos bauen, da kommen Schrauben und Teile rein und die werden dann zusammengebaut. Ob er gesehen habe, dass bei einer Katze auch Schrauben und Teile reingetan und sie dann zusammengebaut werde? Katzen seien am Anfang ganz ganz klein und dann wachsen sie und später sterben sie - Jonas dachte wieder viel darüber nach.

Wir sprachen auch darüber, dass es sehr unterschiedlich ist, wie man stirbt, man kann einen Herzinfarkt bekommen und dann sterben, oder einfach beim Schlaf sterben oder einen schlimmen Unfall erleben und dadurch sterben. Oder ein Baby kommt auf die Welt und ist schon tot. Das konnte Jonas sich überhaupt nicht vorstellen, er meinte, das sei nicht möglich.

Eine Katze, so sagte ich ihm, könne auch fünf Kinder bekommen und eines davon ist tot - Jonas beschäftigte auch dieser Gedanke. Später berichtete er mir von der Freundin seiner Schwester, sie hatte ein Katzenjunges bekommen und es war dann bald gestorben. Er hatte mich also ganz genau verstanden.

Jonas gebärdete einmal etwas von "Opa", "Kirschen" und "tot", beim Nachfragen stellte sich heraus, dass ein alter Mann, bei denen sie manchmal Kirschen gepflückt hatten, gestorben war. Wieder beim Thema Tod angelangt, fragte mich Jonas, ob ich auch sterbe, und ob mein Freund sterbe. Wer von uns beiden zuerst sterbe? Wenn er sterbe, ob ich dann traurig sei, oder wenn seine Eltern sterben würden und vieles mehr.

Dann meinte er, wie es bei einem Baum wäre, wie das ist wenn der stirbt? Jonas meinte, im Herbst, wenn die Blätter herunterfallen, dann stirbt der Baum. Ich sagte ihm, nein, die Blätter fallen, im Winter ist der Baum "kahl und nackt" (die Gebärde "Skelett" faszinierte ihn), da hat er keine Blätter, im Frühling wachsen aber wieder neue Blätter, und im Sommer werden sie grün. Wenn ein Baum tot ist, dann wachsen im Frühling keine Blätter mehr, der Baum bleibt dann kahl und nackt, er kann kein Wasser mehr aufnehmen, die Äste brechen ab, und er bricht in sich zusammen, doch das ist ein sehr langer Prozeß...

Als wir das erste Mal zu einem Friedhof gegangen sind, da fragte er mich alles mögliche, was ist das und was ist dies. Er fragte mich zum Beispiel nach den Grabsteinen. Ich erklärte ihm den Glauben der Menschen, wenn man tot ist, dann glauben viele, dann muss man begraben werden und dann würden sie auferstehen in den Himmel.

Für Jonas war es eine schlimme Vorstellung, dass die Menschen begraben werden, dass unter den Grabsteinen überall Menschen liegen. Ich erklärte ihm, dass wenn man begraben wird, langsam die Haut weggeht und nur die Knochen übrigbleiben.

Ist die Sonne nachts tot?

Jonas glaubte, nachts, wenn es dunkel ist, dass die Sonne tot ist. Wir sprachen darüber, das es einfach so ist, dass sich die Erde dreht, und deshalb der Mond oben steht, auch das war wieder alles ganz neu für ihn.

Ich möchte gerne noch etwas zu den Eltern sagen, es ist für mich ganz wichtig, das zu berichten. Die familiäre Atmosphäre ist sehr positiv. Wenn ich komme, muss ich nicht überlegen, wie verhalte ich mich jetzt, ich kann einfach sein wie ich bin, ich werde so angenommen. Der Vater und die Mutter geben sich beide viel Mühe mit Jonas, mit der Kommunikation. Ich sehe, dass sie ihn richtig akzeptieren als gehörlosen Jungen. Es ist nicht so, dass sie denken, ohje, der ist ja arm, der ist gehörlos, gar nicht, überhaupt nicht. Sie nehmen ihn einfach so an, und sie sehen sehr viele positive Dinge an ihm. Zum Beispiel sagen die Eltern, er hat viel Mut, die hörenden Geschwister wären viel ängstlicher als er, da kommen schon mal schnell die Tränen.

Kontakte: Die anderen Schüler sind weit weg

Manchmal denken die Eltern bei einer Sache, das schafft er nicht. Er schafft es dann aber zu ihrem Erstaunen doch. Sie lassen ihn so gross werden, ziehen ihm nicht so viele Grenzen, sagen nicht dauernd, dies oder das darf nicht sein. Nur die Eltern vermissen, dass wenig Kontakt zu anderen gehörlosen Kindern besteht, die Schule ist weit weg ... und die Kinder aus seiner Klasse wohnen deshalb alle weit weg, die meisten in der Umgebung von ... . Dann sind die Kinder seiner Klasse fast alles ausländische Kinder, es besteht wenig Kontakt zu deren Eltern. Die Familie versucht, dass sich die Kinder untereinander besuchen, aber es bestand kein Interesse bei den anderen Eltern, auch aufgrund der anderen Kultur. In jüngster Zeit haben sie es aber mehrere Male geschafft, dass ein Kind aus seiner Klasse zu Besuch kam, zuletzt sogar für mehrere Tage. Der Vater hat ihn selber abgeholt und auch wieder zurückgebracht. Jonas und der Junge haben sich gut verstanden.

Jonas hat immer mehr Kommunikation und er benutzt sie auch immer stärker. Dies macht ihn viel selbstbewusster, auch im Umgang mit seinen Klassenkameraden. Sie haben ihn früher oft auch wegen seiner Mehrfachbehinderung gehänselt, er kann nicht schnell laufen, auch seine Handmotorik ist schwach. Heute kann er besser damit umgehen und er hat viel mehr Respekt bei seinen Mitschülern. Früher war das nicht so, er sass mehr nur stumm da, auch zuhause. Entweder seine Mutter oder ich haben erzählt. Wenn man ihn etwas fragte, wusste er überhaupt nichts, er kannte nicht das Frage-Antwort-System. Wenn der Lehrer ihn jetzt etwas fragt, dann erzählt er ganz viel. Das ist eine sehr positive Entwicklung bei Jonas. Sein Verhalten ist auch sehr typisch für Gehörlose, das ist schön zu sehen. ...

Die Kinder der Verwandten sind oft in einem ähnlichen Alter wie Jonas und seine Geschwister. Ein Mädchen ist mir ganz besonders aufgefallen, die ist so etwa ein Jahr jünger als Jonas. Es ist unglaublich, wie die beiden miteinander kommunizieren. Das Mädchen kann richtig gebärden, ich habe gedacht, die muss eine besondere Begabung haben, denn ich habe sie nie unterrichtet. Ich habe die Mutter gefragt, woher die beiden so gut miteinander kommunizieren können. Sie weiss es auch nicht, meinte aber, das müsse durch Jonas selber gekommen sein. Die beiden würden manchmal oben am Computer sitzen, eine Gebärden-CD anschauen, und da sitzen die beiden dann davor und nehmen ganz viel auf. Jonas zeigt dem Mädchen bestimmte Gebärden, das macht er ganz von alleine, es ist so, dass die beiden eine ganz besondere Beziehung miteinander haben. ...

Das Bedürfnis nach Kommunikation ist stärker

Meistens bin ich so etwa drei bis vier Stunden bei der Familie... Die Hälfte dieser Zeit bin ich für die Eltern und die Geschwister da, also etwa gut anderthalb Stunden. Wenn Jonas kommt, dann ist der Vater meistens noch ein klein wenig dabei, muss aber dann weg zur Arbeit, und auch die Geschwister gehen spielen. Dann ist meistens noch die Mutter da.

Sie hat aber meistens kaum eine Chance, sich in das Gespräch einzubringen, weil Jonas mich vollkommen vereinnahmt. ... Es ist für ihn einfach unglaublich wichtig, sich mit mir zu unterhalten, weil ich eben nur einmal in der Woche komme und dann auch nur zwei Stunden für ihn da bin, es ist für ihn eine ganz wertvolle Zeit. Wenn ich da bin, dann vergisst er andere Sachen vollkommen. Die Mutter schlägt schon mal vor, dass wir alle etwas zusammen spielen, da hat er aber keine Lust darauf, er möchte sich mit mir unterhalten. Oder wir fangen ein Spiel an, dann kommt er auf ein bestimmtes Thema und schon stecken wir wieder mitten in der Unterhaltung.

Einmal war ich mit Jonas und seinen Geschwistern und seiner Mutter zusammen im Zirkus. Die Mutter meinte, das könnte für ihn interessant sein, dass er mal so sieht, was sind Elefanten, und Pferde, aber für ihn war das alles gar nicht so interessant, er hat sich ständig mit mir über andere Sachen unterhalten. Als aber ein Elefant komisch geschissen hat und ein anderer Elefant das dann aufgefressen hat, das war ihm schon aufgefallen. Dies konnte ich ihm auch nicht erklären, das fand ich selber sehr seltsam und mußte darüber lachen. Jonas verstand aber nicht, warum ich und andere lachten. Da habe ich gesagt, für mich ist das lustig, er wusste gar nicht was das bedeutete, was ist das denn schon wieder, "lustig"?

Im Zirkus war auch ein Mann, der war ganz klein, das war ein Liliputaner. Jonas fragte mich, warum der so klein ist, ich habe ihm erklärt, dass es Menschen gibt, die ganz klein sind und andere sind sehr gross und dass sie nicht alle gleich sind, die Menschen. So sind wir beide gehörlos und die anderen Kinder sind hörend. In dem Moment guckten ganz viele zu uns und fanden das spannend, wie wir beide uns miteinander in Gebärden unterhielten, da habe ich gesagt, siehst du, jetzt gucken alle zu uns, die sind auch neugierig, was wir beide so machen, das ist für sie komisch, was wir mit den Händen machen. Vielleicht genauso, wie Du den Liliputaner vom Aussehen her etwas komisch findest. So dachte er darüber nach, über Gehörlosigkeit und Hören, über klein und gross und dick und dünn, dass die Gesichtsfarben anders sind, die Hautfarbe anders ist, er bekam ein klareres Bild von der Vielfalt der Menschen. ...

Manchmal ist es so, dass die Mutter etwas erzählt, aber für Jonas ist das unwichtig, er will sich mit mir unterhalten. Die Mutter gibt dann auf, sie merkt, es hat keinen Sinn, sie kommt nicht dazwischen. Sie will es dann noch versuchen, dass wir uns zu dritt unterhalten, manchmal klappt es auch, aber oft ist es so, dass er einfach die Zeit braucht, nur mit mir alleine, ohne die Mutter.

Am Anfang hatten die Geschwister grosses Interesse, sich mit mir zu unterhalten, das wurde mit der Zeit aber weniger. Ich merkte schon, dass die kleine Schwester Interesse an meiner Person hat, aber Jonas will das nicht, er will mich für sich, und dann hat die Schwester es auch aufgegeben. Mal versuchte sie etwas zu gebärden. Aber Jonas läßt es nicht zu, er will einfach nicht, dass ich mich mit seiner Schwester unterhalte. Am Anfang nahm er meinen Kopf, wenn ich nicht zu ihm schaute, wenn ich abgelenkt war. Ich sagte ihm, das ich das nicht möchte, dass ich das nicht gut finde. Er könne mich antippen, wenn er was von mir will. Zunächst guckte er komisch. Ich sagte ihm daraufhin, das war bei mir früher auch so, das habe ich auch bei meiner Mama gemacht und habe ihren Kopf zu mir gedreht. Meine Mama hatte auch gesagt, dass sie es nicht möchte, ich solle sie nur antippen. Das sei nicht so schön. In der Schule und im Kindergarten, da habe der Lehrer das bei mir gemacht, erzählte ich Jonas. Jonas verstand es und hat es nie mehr gemacht. Nur manchmal nahm er noch den Kopf seiner Mutter, wenn er ihre Aufmerksamkeit haben wollte. Dann sagte sie ihm auch, dass sie das nicht möchte und seitdem hat er das ganz sein gelassen.

Wie alt ist älter und wer heiratet wen?

Er verstand erst gar nicht, dass meine Eltern schon älter sind. Er hat gedacht, meine Eltern müssen genauso alt wie seine Eltern sein. Da habe ich ihm gesagt, nein, mein Vater ist schon viel älter, der ist schon 70; das verstand er nicht. Er sagte, das ist ja ein Opa. Ich erwiderte, nein, das ist mein Vater, mein Opa ist schon tot. Darüber musste er nachdenken. Ich überlegte mir, was ich am besten machen könne, um ihm das verständlich zu machen, und habe zwei Fotos mitgebracht. Und zwar eines von früher, als ich kleiner war, mit meinen Eltern und eines, wie sie heute aussehen. Ich zeigte ihm beide Bilder. Er sagte zum zweiten Bild von meinem Vater, das ist ein Opa. Ich habe gesagt, nein, das ist derselbe Mann, das ist mein Vater, auf dem einen Bild wie auf dem anderen Bild. Auf dem einen Bild sind meine Eltern ungefähr 40 Jahre alt. Und ich bin jetzt bald 30 und da sind meine Eltern auch älter geworden, so wie ich auch älter geworden bin, die Haare sind grau geworden, sie laufen langsamer. Später hat er das verstanden. Er glaubte zuerst, dass X. mein Bruder ist. Er glaubte, dass wir zusammen spielen. Für ihn war das ganz klar, denn wir sind ungefähr gleich alt. X. war zweimal mit in der Familie zu Besuch, Jonas hatte ihn also kennengelernt, und er glaubte einfach, das ist mein Bruder. Ich erklärte ihm, dass X. mein Freund ist. Das sei genauso wie früher bei seinen Eltern. Als er noch nicht auf der Welt war, da haben sich seine Eltern auch erst kennengelernt, sind sich begegnet und erst später haben sie dann geheiratet. Und bei uns beiden ist es ganz genauso, wir sind aber noch nicht verheiratet, vielleicht heiraten wir später mal und bekommen Kinder, das weiss ich noch nicht. Ahja, dann hat er das verstanden.

Eine andere Sache: Eltern sind ja auch sehr unterschiedlich. Einmal hat er X.s Eltern kennengelernt, es war ein reiner Zufall. Wir gingen am Rhein spazieren und ich wusste gar nicht, dass wir Jonas , seine Familie und mehrere Verwandte dort treffen würden. Da hat er zum ersten Mal X.s Eltern gesehen. Er wunderte sich, dass die gar nicht gebärden können. Ich sagte ihm, ja, das ist so, die sprechen nur, die können nicht gebärden. Darüber dachte Jonas lange nach und er sagte, meine Eltern können aber gebärden. Er war ganz froh und stolz, dass seine Eltern das können.

Die Erde und die Natur

Einmal guckten wir uns die Länder der Erde an. Ich sagte ihm, die Erde ist riesengross, das sind riesige Entfernungen. Zum Beispiel Afrika ist ganz weit weg, da musst du ins Flugzeug steigen, und du fliegst viele Stunden, bis du mal dort bist. Er meinte, man ist dort ganz schnell, mit dem Auto. Ich sagte, nein, da bist du sehr lange unterwegs, und du musst auch mit dem Schiff fahren, oder eben mit dem Flugzeug. Die Afrikaner, fuhr ich fort, sehen auch nicht so aus wie wir, die sehen anders aus, die haben dunkle Hautfarbe, und schwarze Haare. Ich habe ihm Bilder gezeigt und auch gesagt, dass es in Afrika sehr heiss ist. Er wollte wissen, wieviel Grad, ich sagte ihm 40 bis 50 Grad, das sei unglaublich heiss. Da meinte er, hier sind es 100 Grad. Ich entgegenete, dann wären wir alle tot, dann würden wir nicht mehr leben. Das verstand er nicht. Ich sagte ihm, alles würde schmelzen, das Wasser würde verdunsten, die Bäume könnten nicht mehr leben. Er fragte, ob Bäume auch schmelzen würde. Nein, sagte ich, Bäume schmelzen nicht, aber Plastik schmilzt. Das Wasser verschwindet, aber dann entstehen Wolken und dann regnet es wieder. Regen finde ich nicht gut, war sein Kommentar. Ich sagte, Regen wäre aber auch wichtig, weil die Pflanzen brauchen Wasser, mit dem sie begossen werden, damit sie wachsen können. Wenn es keinen Regen geben würde, wenn durchgehend immer die Sonne scheinen würde, dann würden wir alle sterben. Wir unterhielten uns oft über den Kreislauf in der Natur.

Dann kam das Thema Gewitter, zwei drei Monate gab es für ihn nur das Thema Gewitter. Eines Nachts, als Gewitter war, stand Jonas auf, ging hinunter in die Küche und schaute lange aus dem Fenster. Ich hatte vorher einmal mit ihm darüber gesprochen, ihm auch erklärt, warum es Gewitter gibt, und dass das Gewitter gefährlich ist und dass man dann nicht einfach draussen herumlaufen kann und dass man auch nicht nah an einem Baum sein darf. Da könne der Blitz einschlagen und man könne verbrennen. Das sei so, wie wenn man Papier anzündet, das werde ganz schwarz, so könne das mit dem Menschen auch passieren, wenn der Blitz ihn treffe. Man soll deshalb nicht zu den Bäumen gehen, man muss eine Fläche suchen, wo man sich dann klein macht und duckt. Im Auto könne man sitzen, mit dem Fahrrad ist es gefährlicher, laufen sollte man draussen nicht, besser man bleibt zuhause, wenn Gewitter ist. Da dachte er viel darüber nach. Dann kam so ein Sommergewitter. Er hat dann nachts da gesessen und es die ganze Zeit beobachtet. Der Vater hörte es, dass da jemand die Treppe heruntergeht und ist ihm gefolgt. So hat er das mitbekommen, und das war nicht nur einmal, sondern mehrere Male.

Sprechen gehörlose Menschen mit Stimme? Wer hört wen?

Jonas brauchte lange, bis er wirklich verstand, dass ich gehörlos bin. Wenn er Geräusche machte, guckten die Mutter und die Schwester zu ihm und ich nicht. Er hatte erst keine Ahnung, was bedeutet Gehörlosigkeit. Er selbst trägt Hörgeräte. Dann habe ich ihm erzählt, dass ich früher auch welche hatte, dass ich auch damit gross geworden bin. Bis ich 21 Jahre alt war, dann hatte ich sie ausgezogen. Jonas sagte, später würde er seine auch ausziehen, wenn er gross wäre. Ich erwiderte, dass das nicht bei allen gleich sei, z.B. X. trage seine Hörgeräte weiter. Es sei einfach anders bei jedem, jeder müsse selber wissen, wie er es macht, wenn man gross ist und man möchte es nicht mehr, dann zieht man es aus, und wenn man es möchte, lässt man es dran. Ich habe ihm auch einiges gezeigt, was in der Gehörlosenkultur üblich ist. Zum Beispiel, dass man beim Essen mit der Hand auf den Tisch klopft und sich so Guten Appetit wünscht, das findet er sehr interessant und das machte er jetzt immer. Die Eltern wunderten sich erst, warum er das macht. Ich erklärte es ihnen, so wußten sie Bescheid, warum das so ist.

Früher war das so, wenn ich mich mit der Mutter in Gebärdensprache unterhalten habe, dann sass Jonas einfach da und bekam nichts richtig mit. Er hat damals sehr wenig gebärdet. Seine Eltern konnten zwar auch nur wenig gebärden, aber wir konnten uns trotzdem über bestimmte Themen unterhalten, auf einem anderen Niveau, Jonas bekam dann nichts richtig mit. Heute will er direkt wissen, worüber wir uns unterhalten, ich muss das für ihn direkt wiederholen. Er fordert das mehr ein, das zu verstehen, er fragt nach, das sehe ich als sehr positiv an.

Seine Mutter erzählte mir, wenn sie jetzt alle am Essenstisch sitzen und dann so gesprochen wird, dann will er jetzt immer alles wissen, das sei früher überhaupt nicht so gewesen, da sei er so in sich versunken gewesen. Auf der einen Seite ist das schon mühsam, aber auf der anderen Seite freut sie sich darüber, dass das Interesse bei ihm vorhanden ist. Jetzt versucht die Familie, sich umzustellen, dass beim Essen wirklich gebärdet wird. Das ist natürlich nicht einfach. Manchmal haben die beiden hörenden Geschwister das Bedürfnis, einfach zu erzählen, von der Schule und vom Kindergarten, das können sie nicht immer mit Gebärden machen, das klappt - noch - nicht. Die Mutter sagt aber immer, bitte benutzt die Gebärden, damit der Jonas das auch mitbekommt, was gesprochen wird. Das ist keine einfache Situation, vor allem wenn die grosse Familie zusammensitzt. Wenn sie einzeln zusammen sind, dann klappt es gut. Wenn Jonas zum Beispiel mit seiner Schwester... wenn sie beide alleine zusammen sind, dann klappt es irgendwie mit der Kommunikation. Nur wenn die ganze Familie zusammen ist, dann sind es ja mehr Hörende als Gehörlose, Jonas steht dann da, eins gegen vier. Deshalb ist es dann auch schwierig.

Für mich ist das so wichtig, dass die Motivation da ist. Das finde ich ist schon ganz toll. Man kann da nicht immer so viel erwarten. Was ich einfach fördern möchte, ist, dass innerhalb der Familie mehr gebärdet wird. Sie müssen nicht die Stimme weglassen. Das ist für die Eltern und für die Geschwister zu hart. Wenn die Eltern mit mir sprechen, dann schaffen sie es, ohne Stimme zu gebärden. Am Anfang benutzten die beiden Geschwister ihre Stimme, wenn sie mit mir sprachen, das war für mich komisch, und ich habe sie gefragt, gebärdest du mit Stimme? Versuch doch mal ohne Stimme, und das hat dann auch geklappt. Aber wenn die ganze Familie zusammen ist, dann ist es völlig klar, das die Stimme benutzt wird, nur es ist schön, wenn eben auch mit Händen, mit Gebärden gesprochen wird, damit Jonas selbst entscheiden kann, ob er schaut oder nicht. Es ist dann ihm überlassen, ob es ihn interessiert oder nicht. Er fragt auch immer, daran sieht man, dass er grosses Interesse daran hat, worüber so gesprochen wird.

Erst verstand er gar nicht, dass meine Eltern gehörlos sind. Ich sagte, doch meine Eltern gebärden mit mir und die hören auch nicht, genauso wie ich. Das verstand er erst überhaupt nicht. Irgendwann soll er mal meine Eltern kennenlernen, das möchte ich sehr gerne. Damit er eine Vorstellung bekommt, wie das ist.

Was ist Sprache?

Was ich so merke, am Anfang hatte Jonas kein Verständnis für Sprache, er wusste es einfach nicht, was Sprache bedeutet. Ich gab ihm einen Anschub, nun hat er ein Verständnis von Sprache, nun kann er (!) alles aufnehmen. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass er in der Schule viele Gebärden neu aufnimmt. Früher hat er mit den Kindern in der Schule nur ganz wenig kommunizieren können. Jetzt kann er mit den anderen Kindern kommunizieren. Er ist mit den Gebärden sogar weiter als die anderen Kinder in seiner Klasse. Ich musste ihm also nur einen Anschub geben, um zu zeigen, was ist Sprache, was ist Kommunikation. Das Kommunikation etwas schönes ist. Jetzt ist er derjenige, der es schafft, das weiterzuentwickeln.

Jonas hat eine positive Ausstrahlung, er strahlt soviel Zufriedenheit aus. Jedes Mal, wenn ich komme, ist es so. Dass er mal böse aussieht, das gibt es nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Er lacht immer, er freut sich, er ist zufrieden. Er ist waaahnsinnig wissbegierig, er braucht Wissen, manchmal ist es so, dass wir vier Stunden durchgehend gebärden, wenn zum Beispiel Ferien sind. Ich erkläre dann irgendwann, ich müsse jetzt langsam gehen. Er geht immer noch mit nach draussen, ich sitze schon im Auto und er gebärdet noch weiter. Seine Mutter muss ihn regelrecht reinziehen und sagen, jetzt lass die ... fahren.

Wie leben gehörlose erwachsene Menschen?

Die Eltern haben viel dazugelernt, dadurch dass ich gehörlos bin. Als die Mutter einmal mit mir im Auto saß, fragte sie, wie soll man sich mit Gehörlosen beim Autofahren unterhalten. Ich sagte ihr, dass das zum Beispiel bei einem Halt an einer Ampel möglich wäre, man könne aber auch gut mit der einen Hand fahren und mit der anderen Hand gebärden. Sie probierte es aus und war ganz erstaunt, dass es tatsächlich klappte.

Die Eltern haben jetzt eine klare Vorstellung von Gehörlosigkeit. Am Anfang dachten sie, was soll mal aus dem Jonas werden, wenn er gross ist. Er hatte in der Schule viele Schwierigkeiten, war völlig überfordert mit den Hausaufgaben, es war für ihn ein ganz grosses Problem gewesen, er wusste gar nicht, was er da machen soll. Seine Eltern fragten sich, wie Jonas selbständig werden kann und welchen Beruf er später mal ergreifen soll. Heute sehen sie alles viel lockerer, sie denken, das wird alles kommen, das ergibt sich schon. Viele Sorgen machen sie sich nicht mehr.

Am Anfang dachten sie, er ist stark lernbehindert. Das hatte ihnen die Lehrerin gesagt. Ich habe gedacht, na, warten wir mal ab, ich habe das nicht so recht geglaubt. Heute sieht man eindeutig, dass er nicht lernbehindert ist. Er hat einfach nur einen Wissensrückstand, weil er 10 Jahre lang keine Sprache hatte, wie sollte er da auch Wissen erwerben? Jetzt fängt es an, es ist ja klar, dass da erst einmal ein sehr grosser Rückstand ist. Aber ich sehe, dass er in seiner Sprache unheimlich schnell aufholt, nur es fehlt noch vieles an Wissen. Was ich auch merke, dass einmal in der Woche zu wenig ist, bei diesem Rückstand, eigentlich müßte ich täglich kommen ...

Quelle: Hintermair, M., Lehmann-Tremmel, G. (2003): „Wider die Sprachlosigkeit“.

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