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Erfahrungsbericht von GIB ZEIT

Im Folgenden der Bericht einer GIB-ZEIT-Mitarbeiterin über ihre Arbeit mit einem mehrfachbehinderten Kind, das von der Lehrerin als „lernbehindert“ bezeichnet wurde. Nach 1½ Jahren Betreuung kam sie zu dem Ergebnis: „Heute sieht man eindeutig, dass er nicht lernbehindert ist. Er hat einfach nur einen Wissensrückstand, weil er 10 Jahre lang keine Sprache hatte, wie sollte er da auch Wissen erwerben?“

Hier die stark gekürzte Fassung des Berichtes:

Auszug aus dem Bericht über Familie O

„Mein erster Besuch bei der Familie O ...: Bei diesem Besuch waren nur die Mutter und der gehörlose Jonas da. Der Vater war leider bei der Arbeit. Jonas war damals schon fast 10 Jahre alt. Die Mutter sprach nur und sie sagte immer wieder, dass sie leider keine Gebärden kann. ... Er kannte "Mama" und "Papa", das wars für ihn, auch "Oma" und "Opa", aber mehr kannte er nicht, er wusste nicht, was es bedeutet, einen "Freund" oder einen "Partner" zu haben ....“

Nach 1 ½ Jahren Hausbesuchen der GIB ZEIT-Mitarbeiterin:

„Jonas hat immer mehr Kommunikation und er benutzt sie auch immer stärker. Dies macht ihn viel selbstbewusster, auch im Umgang mit seinen Klassenkameraden. Sie haben ihn früher oft auch wegen seiner Mehrfachbehinderung gehänselt, er kann nicht schnell laufen, auch seine Handmotorik ist schwach. Heute kann er besser damit umgehen und er hat viel mehr Respekt bei seinen Mitschülern. Früher war das nicht so, er sass mehr nur stumm da, auch zuhause. Entweder seine Mutter oder ich haben erzählt. Wenn man ihn etwas fragte, wusste er überhaupt nichts, er kannte nicht das Frage-Antwort-System. Wenn der Lehrer ihn jetzt etwas fragt, dann erzählt er ganz viel. ...

Am Anfang hatte Jonas kein Verständnis für Sprache, er wusste es einfach nicht, was Sprache bedeutet. Ich gab ihm einen Anschub, nun hat er ein Verständnis von Sprache, nun kann er (!) alles aufnehmen. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass er in der Schule viele Gebärden neu aufnimmt. Früher hat er mit den Kindern in der Schule nur ganz wenig kommunizieren können. Jetzt kann er mit den anderen Kindern kommunizieren. Er ist mit den Gebärden sogar weiter als die anderen Kinder in seiner Klasse. Ich musste ihm also nur einen Anschub geben, um zu zeigen, was ist Sprache, was ist Kommunikation. Das Kommunikation etwas schönes ist. Jetzt ist er derjenige, der es schafft, das weiterzuentwickeln. …

Die Eltern haben jetzt eine klare Vorstellung von Gehörlosigkeit. Am Anfang dachten sie, was soll mal aus dem Jonas werden, wenn er gross ist. Er hatte in der Schule viele Schwie¬rigkeiten, war völlig überfordert mit den Hausaufgaben, es war für ihn ein ganz grosses Problem gewesen, er wusste gar nicht, was er da machen soll. Seine Eltern fragten sich, wie Jonas selbständig werden kann und welchen Beruf er später mal ergreifen soll. Heute sehen sie alles viel lockerer, sie denken, das wird alles kommen, das ergibt sich schon. Viele Sorgen machen sie sich nicht mehr.

Am Anfang dachten sie, er ist stark lernbehindert. Das hatte ihnen die Lehrerin gesagt. Ich habe gedacht, na, warten wir mal ab, ich habe das nicht so recht geglaubt. Heute sieht man eindeutig, dass er nicht lernbehindert ist. Er hat einfach nur einen Wissensrückstand, weil er 10 Jahre lang keine Sprache hatte, wie sollte er da auch Wissen erwerben? Jetzt fängt es an, es ist ja klar, dass da erst einmal ein sehr grosser Rückstand ist. Aber ich sehe, dass er in seiner Sprache unheimlich schnell aufholt, nur es fehlt noch vieles an Wissen. Was ich auch merke, dass einmal in der Woche zu wenig ist, bei diesem Rückstand, eigentlich müßte ich täglich kommen ...“
(Hervorhebung vom Redaktions-Team)

Zur ausführlichen Fassung dieses Berichts: Bericht von GIB ZEIT ausführlich

Auszug aus dem Bericht über Familie I

Über die Arbeit mit einem mehrfachbehinderten gehörlosen Jungen, Alter zu Beginn der Betreuung: 3½ Jahre, seitdem wöchentliche GIB-ZEIT-Besuche

„... Till gebärdete damals überhaupt nicht, er konnte auch nicht sprechen. Machte nur so kauende Mundbewegungen. Auch in der Frühförderung hatte er nur mit fest geschlos¬senem Mund um sich geschaut, während sich seine hörende Schwester ... viel Mühe gab zu gebärden und sehr schnell einzelne Worte gebärdete. …

Wenn ich mit Till kommuniziert habe, gebärdete ich nur kurz, etwa ein bis zwei Minuten, da er sich nicht so lange konzentrieren konnte. Er schaute und ging dann wieder weg, um das zu verarbeiten oder er ging spielen. Selber gebärdete er da überhaupt noch nicht. Ungefähr nach vier Monaten begann Till einzelne Worte zu gebärden. Ich zeigte ihm in einem Bilderbuch verschiedene Tiere und er machte dann die entsprechende Gebärde für jedes Tier. ...

Früher war die Kommunikation zwischen Mutter und Sohn sehr schwer. Frau I. wollte, dass Till was sagte, der guckte aber immer weg, Frau I. verlor dann die Nerven ... und dann provozierte er sie noch mehr. ... Heute schaffen beide, miteinander zu kommunizieren, Till schaut immer mehr zu. ... Was ich toll finde ist, dass die Mutter so engagiert Gebärdensprache lernt und das recht gut kann.“

Quelle

Aus Hintermair, Manfred (2004): „Wider die Sprachlosigkeit“.

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